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Wanderfahrt auf Lahn und Mittelrhein

Mittsommertour von Wetzlar/Lahn bis Neuwied/Rhein.

Nach drei gesundheitlich bedingten Absagen sind wir nur noch zu dritt und fahren Troll. Geplant haben wir sechs Übernachtungen, davon vier im Zelt und zwei in Rudervereinen. Gepäck im Boot – wir sind gut organisiert und leicht – und haben trotzdem alles Nötige dabei, um unabhängig und flexibel zu sein.


Tag 1: Transport nach Wetzlar und anschließend Kurzetappe nach Solms-Schohleck
Der Wetterbericht prophezeit die heißeste Woche des Jahres. Wir sind froh, dass wir uns auch wegen der vielen Schleusen für durchgehend kurze Etappen entschieden haben.
Schon die Anfahrt ist landschaftlich wunderschön – großen Dank an Dietmar! Nach dem Abladen und Packen des Bootes in Wetzlar geht es dann auf Wasser zur ersten Kurzetappe mit einer defekten Kurbelschleuse und einem Wildwasser-Anleger an der Übernachtungsstelle. Wir richten uns in den Zelten ein, staunen über ein kurzes, aber schweres Sommergewitter mit heftigem Sturm – und lassen es uns dann gutgehen bei Pfannkuchen am Lagerfeuer. Die Übernachtungsstelle empfehlen wir ausdrücklich, deren offiziellen Anleger nicht (kurz unterhalb gibt es an einem Baum eine gute und sichere Alternative zum Ausheben).


Tag zwei: Von Solms nach Gräveneck
Wegen der Hitze versuchen wir, früh auf Wasser zu kommen. Der Wildwasser-Anleger fordert uns erneut heraus – aber wir überlegen uns eine Taktik. Resultat: Erfolgreich, trotzdem bitte nicht nachmachen – solche Anleger vermeiden.
Die Temperaturen steigen weiter, auch im Wetterbericht weiterhin kein Wölkchen für die gesamte Woche zu sehen. Trotzdem ist die Landschaft so wunder-wunderschön – am schönsten allerdings vom
Schatten aus.
Hinter der Kurbelschleuse in Etappenmitte rasten wir auf Einladung einer zahmen Familie Nilgänse an einem idyllischen Kies- Muschelstrand. Ein einsames Dreirad leistet uns Gesellschaft, ein Eisvogel verzieht sich zügigst in den Schatten. So geht Urlaub!

Das Lahntal schließt sich langsam, die bewaldeten Berghänge werden steiler. Wir passieren den Schiffstunnel mit Koppelschleuse durch den Berg bei Weilburg. Aufregend! Dabei festgestellt: Wenn man die Sonnenbrille mal abnimmt, dann sieht man auch mehr als das Licht am Ende des Tunnels.


Wir erreichen den Zeltplatz in Gräveneck und bauen das Lager auf. Abends lässt die Hitze etwas nach, wir kochen wieder vom Allerfeinsten und kontakten mit anderen Wasserwanderern.
Die laue Nacht legt sich langsam über das Tal und bringt etwas mildere Wärme. Mit der beginnenden Dunkelheit dann Glühwürmchen, die vom Wald herübertanzen.
Tag drei: Von Gräveneck nach Limburg
Die Lahn hat sich über die letzten beiden Jahrzehnte verändert: Felsabbrüche und eingetragene Sedimente sorgen heute für viele Flachwasserstellen und kleine Stromschnellen. Bis auf ein paar kleine
Schrammen an der Bootshaut kommen wir gut und heile durch.
Die Sonne brennt nach wie vor gnadenlos, aber kleine Schleierwolken schenken uns ab und zu etwas Milderung. Wir passieren die Bodensteiner Ley, erreichen Runkel, legen an, gehen Eis essen und schwimmen. Nach der letzten Kurbelschleuse erwartet uns eine inzwischen ziemlich rasante Stromschnelle direkt unterhalb an der alten Runkeler Brücke.


Hinter Runkel wird das Tal wieder enger, grün und still. Zwei Reiher begleiten uns ein Stück. Nach letzten kleinen Stromschnellen erreichen wir den für die Kleinschifffahrt weiterhin instandgehaltenen Teil der Lahn und somit endlich auch dauerhaft tieferes Wasser. Troll und seine Bootshaut sind dankbar. Der Limburger Dom erscheint thronend über der Stadt. Am malerischen Anleger des Limburger Club für Wassersport von 1895 oberhalb des Wehres treffen wir auf dessen Jugendtraining und legen an.


Wir kaufen Lebensmittel und besichtigen die Altstadt und den Dom. Im Bootshaus haben wir gute Gespräche mit dem Vorstand, kochen wiederum vom Feinsten und legen uns erschöpft auf die LuMas.
Zu warm, zu warm, zu warm. Wir duschen kalt, lüften so gut es geht – und flüchten zum Schlafen teilweise auf den überdachten Giebelbalkon.
Tag vier: Von Limburg nach Laurenburg
Wir frühstücken und sind bester Laune. Es ist weiter außergewöhnlich heiß. Vor der Schleuse in Limburg treffen wir auf ein Schild, dass vor „Unterwasser-Bermen“ warnt. Wir fragen uns, was „Bermen“ sind – und spinnen wilde Abenteuergeschichten um steinalte Unterwasserwesen, die in den Tiefen des mythisch aufgeladenen Mittelrheins und seiner Zuflüsse dunkle Grotten bewohnen und dort das Leben von Schiffern und Wasserwanderern unsicher machen.
Hinter Diez durchbrechen Felsklüfte die dicht bewaldeten Steilhänge. Wir bestaunen die Landschaft.

In einem Dorf unterhalb vom Balduinstein legen wir an, machen Mittagspause auf einer Wiese im
Schatten unter Bäumen und kochen Kaffee. Und gehen natürlich schwimmen.
An der Schleuse in Scheidt hängen zwei gelb-orange-rot gefärbte Beile, die uns an die drachenfeuerähnlichen Augen erinnern, die wir bösen Bermen zugedichtet haben (gute Bermen haben regenbogenfarbene). Der Schleusenwärter erklärt uns nochmal die Bewandtnis der Beile, hält einen netten Plausch mit uns und erzählt Schauergeschichten. Wir nehmen das Schleusenwärter-Seemannsgarn gerne in unsere Abenteuergeschichten über Bermen auf.
Es ist weiter zu heiß. Die Sonne brennt ohne Gnade und wir sind froh über die betont kurz geplanten Etappen dieser Tour, ohne die diese Tour bei täglich +40° C Hitze nicht zu machen wäre – und über unseren angebauten Schirm, der wenigstens dem Steuerplatz etwas Schatten spendet. Die Sonne brennt so gnadenlos und ungefiltert, wie wir es selten erlebt haben. Das Thermometer bricht bundesweit alle Rekorde – und das ausgerechnet in der Woche unserer Fahrt.
Nachmittags erreichen wir den kleinen Gasthof bei Laurenburg, auf dessen Wiese wir im Schatten von Walnussbäumen unsere Zelte aufbauen. Wir kochen nicht selbst, sondern essen im Gasthof – was
leider kein kulinarisches Highlight war.


Mit der Dämmerung legt sich eine wunderbare Stille über das schmale Tal. Wir hatten recht – dies wird unser abgelegenster und stillster Übernachtungspunkt. Richtung Mitternacht nochmal ein paar
Glühwürmchen, bevor wir erschöpft von der Rekordhitze einschlafen.
Die Temperaturen und vor allem die UV-Werte sind irrwitzig. Wir können froh sein, die meisten Nächte im Zelt am Fluss zu schlafen. Auch das Klima für Pausen auf Wiesen im Schatten unter Bäumen ist
aushaltbar – ganz im Gegensatz zu allem Asphalt und Beton der Städte, auf denen man um die Mittagszeit keine Spiegeleier braten sollte, sie würden einfach verbrennen. Tagsüber hilft uns langärmlige, permanent gewässerte Kleidung – und schwimmen, schwimmen, schwimmen. Köpfe unter Wasser!
Tag fünf: Von Laurenburg nach Bad Ems
Morgennebel, aber die ersten Sonnenstrahlen brennen ihn weg, als wäre es nichts. Leider öffnen die inzwischen von Schleusenwärtern betreuten Schleusen erst um zehn, was bedeutet, dass wir die Hitze
nicht mehr durch frühes morgendliches Ablegen umfahren können.
In Nassau legen wir an, besorgen Lebensmittel – und halten den Aufenthalt in der kochenden Stadt so kurz wie möglich. Auf Wasser geht es wieder besser. Wir machen viele Pausen und kühlen unsere
Körper so oft es geht: Wasser, Wasser, Wasser – von oben, von unten, von innen. Trotz der Hitze ist die Stimmung im Boot bestens.
Links und rechts wunderschöne mittelalterliche Dörfer.

Die ursprünglich geplante Etappe ist mit 25 km wiederum so oder so kurz – unsere Sorge galt eher der Anzahl an Schleusen, heute fünf. Aber wir kommen überraschend sehr gut durch, was uns Zuversicht gibt.
In Bad Ems entsteigt auf Höhe des Casinos mitten aus der Lahn immer noch die alte Springfontäne. Wir nutzen die Chance und durchfahren deren wohltuenden Regen gleich mehrmals, was herrliche Kühle
bringt. Regenbogen glitzern im Sprühnebel.


Dahinter dann tatsächlich die letzte Schleuse der für heute ursprünglich geplanten Etappe und im Anschluss der Campingplatz. Wir sind erleichtert und etwas überrascht – uns geht es allen erstaunlich gut. Stattdessen geben bei der Hitze zwei Powerbanks den Geist auf (dauerhaft). Die Zelte sind schnell aufgebaut und wir kochen wieder vom Feinsten.
Morgen geht es zur Mündung in Lahnstein – und dann eigentlich auf den Rhein nach Neuwied. Wir beschließen, diese Etappe zu teilen: Morgen nur den Lahn-Teil, dann eine außerplanmäßige Übernachtung in Lahnstein, die uns von der RG Lahnstein 1922 zum Glück auch direkt zugesagt wird – um dann tags drauf den Morgen unseres eigentlichen Abreisetags noch für das kurze Stück Rhein zu nutzen.
Der Tag geht zu Ende. Wir liegen auf der Wiese vor den Zelten und schauen in das aufgehende Sternenzelt. Kerzenflammen flackern leicht im leisen Wind der Sommernacht. Morgen zum Frühstück
kommt Reinhard aus Marburg, der uns die letzten beiden Tage der Tour von Land aus begleiten wird.
Wir sind dankbar, wie gut der Tag verlaufen ist – und genießen die wiedergekehrte Zuversicht und den frohen Mut unserer kleinen Fahrtengemeinschaft. Unser Boot ist gut zusammengewachsen.
Tag sechs: Von Bad Ems nach Lahnstein
Reinhard ist früh da und bringt frische Brötchen und Früchte mit – wie immer Luxusfrühstück. Auf Wasser läuft es gut. Wir machen Mittagspause unter Bäumen und gehen schwimmen.
An der vorletzten Schleuse vor Lahnstein treffen wir Reinhard wieder, der uns gemeinsam mit dem Schleusenwärter kaltes Eis in die Hand drückt.
Eine hinterlistige Unterwasser-Berme hat es auf Reinhard und seine Wertgegenstände abgesehen, aber wir schmieden einen Plan, tauchen trotz Warnungen des Schleusenwärters in die Tiefen der Lahn,
um es der bösen Berme heimzuzahlen, die wir nach wendungsreichem Kampf auch tatsächlich bezwingen können. Doch das ist eine eigene Geschichte…
Nach diesem unerwarteten, am Ende aber siegreichen Intermezzo, erreichen wir zügig und entspannt Lahnstein, unsere Übernachtungsstelle vor der Rheinmündung. Wir sind dankbar für
die kurzfristige Gastfreundschaft der RG Lahnstein und richten uns im viel zu warmen Clubraum des Bootshauses ein.
Heute ist unser letzter Abend. Wir möchten essen gehen und landen unerwartet einen kulinarischen Volltreffer: „Casa Mia“ in Lahnstein. Die ersten Bissen zaubern uns allen ein Lächeln ins Gesicht. Selten gute Küche, wir sind nachhaltig beeindruckt!
Allerdings setzt uns die Hitze heftig zu – Lahnstein glüht. Nach dem Essen ist es draußen dann zum Glück etwas kühler. Wir machen einen Spaziergang zum Rheinufer und schauen über das Mitterheintal hinüber zu Schloss Stolzenfels.

Beim Bettenbau im Bootshaus realisieren wir, wie gut wir es mit den vergangenen Übernachtungen auf Wiesen am Fluss hatten: die Städte aus Mauerwerk, Beton und Asphalt sind ein einziger Backofen. Morgen geht es auf den Rhein.
Tag sieben: Lahnstein bis Neuwied, anschließend Heimreise
Mit den ersten Sonnenstrahlen werden wir wach, genießen das Frühstück und können Dank Reinhards Unterstützung und der nun wegfallenden Öffnungszeiten der Schleusen früher auf Wasser, als in den vergangenen Tagen.
Wir legen ab zu unserer letzten Etappe: 22,8 km Mittelrhein, vorbei an der Moselmündung in Koblenz nach Neuwied. Nochmal Neuwasser, dieses Mal gleich für zwei von uns dreien. Freude in den Augen!
Die kurze Etappe ist bei diesen Wasserstands-, Wetter- und Windbedingungen eigentlich ganz ruhig und beschaulich – an einer Brückenneubaustelle kurz vor Koblenz wird es dann aber unerwartet eng – wir meistern die schwierige Engstelle mit Stau der Großschifffahrt und genießen den Rest der Strecke aus vollen Zügen.


Kurz vor Erreichen der Neuwieder Rudergesellschafft von 1883 landen wir an in einer geschützten Kiesstrandbucht am Weißenthurmer Werth – die Schifffahrtsrinne verläuft auf der anderen Seite der langgezogenen Insel. Wir genießen das grüne Inselparadies, den Muschel-Kiesstrand und das außergewöhnlich glasklare Wasser.
Kurz darauf legen wir in Neuwied am Steg der NRG von 1883 an, wo Marc und Reinhard uns herzlich in Empfang nehmen.

Gemeinsam schleppen wir Troll über den Deich und verladen Gepäck und Boot.
Der Deich hat viele Stufen – wir werden uns nie wieder über unseren kleinen Berg in Schieder beschweren! Im Bootshaus des benachbarten GTRVN von 1882 können wir kurz duschen. Erfrischt, Hänger und Auto gepackt, gehen wir kurz Richtung Innenstadt und lassen die Fahrt bei Kaffee und Eis ausklingen.
Danach trennen sich unsere Wege: Marc, der uns mit dem Hänger abholen gekommen ist (Danke Marc!!), fährt mit Julia und Nico zurück nach Schieder; Reinhard und Birgit fahren über einen anderen
Zwischenstopp. Das ist vor allem für Marc ein langer Tag: Die Autobahn glüht, der Asphalt wellt sich – und der Hänger wird gut durchgeschüttelt. Alles ruckelt, das Thermometer sprengt wieder die 40°C.
Im Auto lassen wir die Fahrt Revue passieren: Trotz der Rekordhitzetemperaturen und Momenten des Zweifels haben wir die Fahrt nicht nur gemeistert, sondern in vollen Zügen genossen – und unser Boot und unsere kleine Fahrtengemeinschaft sind ganz großartig zusammengewachsen. Wir sind erschöpft, aber froh und dankbar – und voller wunderbarer Eindrücke und Erinnerungen, die in uns allen noch lange nachklingen werden.
Abends erreichen wir wohlbehalten Schieder.